Das wahre Gesicht der CPL
Eine arabische Investorengruppe, erste Turniere im asiatischen Raum und ein Countdown, der auf den 1. Mai 2010 programmiert ist – es sieht ganz danach aus, als stünde uns die baldige Rückkehr der altehrwürdigen Cyberathlete Professional League bevor. Auch wenn Streitigkeiten um nicht ausbezahlte Preisgelder die Reputation der Marke ziemlich beschädigt hatten, blickte man vielerorts erwartungsvoll zu den neuen Eigentümern. So ganz verschwunden war der Glanz aus alten Tagen noch nicht, denn die im Jahr 1997 von Angel Munoz gegründete Turnierserie hat den eSport in seiner heutigen Form wesentlich geprägt.
Doch dann kam Tonya Welch. Und räumte auf.1 Die ehemalige Mitarbeiterin enttarnte die neue CPL als riesiges Lügengebilde, aufgebaut und am Leben erhalten durch Scott Valencia. Mit einem Mal wurde die mühsam aufgebaute Fassade niedergerissen: Arabische Investoren habe es nie gegeben, das Ganze diente lediglich dem Zweck, die wahren Käufer zu verschleiern und Solvenz vorzutäuschen. Mitarbeiter, Geschäftspartner und Investoren seien systematisch hinters Licht geführt worden, und überhaupt seien die Geschäftspraktiken hinter den Kulissen der CPL mehr als zweifelhaft.
Keine Ölscheichs weit und breit
Im Fadenkreuz: Scott Valencia, ein charismatischer Texaner mit Cowboyhut und Goatee, der ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat als der durchschnittliche eSport-Fan. Er war schon bei der Munoz-CPL in einer Führungsposition tätig und wirkte maßgeblich an der damaligen CPL World Tour mit.
2006 begründete er mit Intels Hilfe die World Series of Video Games, welche wegen Missmanagements nach eineinhalb Jahren die Pforten schließen musste. Anschließend stand er als Senior Vice President für den Bereich Global Operations bei der CGS unter Vertrag. Schon Mitte 2008, ein halbes Jahr vor dem Ende der ambitionierten TV-Liga, plante er im Geheimen die Übernahme der CPL-Marke.
Dazu sicherte er sich die Unterstützung dreier Partner. Unter diesen befand sich neben Frank Yong (zuvor CIG Group2, WSVG China und GGL China3) und einer nicht namentlich genannten Person auch Tonya Welch, deren bisherige Karrierestationen mit denen von Scott Valencia identisch waren. Sie ließ sich auf sein neuestes Unterfangen ein, da er sie in dem Glauben ließ, ihre Stelle als Director of Team and Player Relations bei der CGS stünde auf äußerst wackeligen Füßen. Das sollte nicht die einzige Lüge bleiben, die Welch von Valencia aufgetischt bekam.
Dass mit Frank Yong ein Chinese mit an Bord war, hatte im Übrigen seinen Grund: Der größte Anreiz, die angeschlagene Marke zu übernehmen, bestand darin, dass sie in Asien über einen sehr hohen Bekanntheitsgrad verfügt und gerade der chinesische Markt so große Wachstumschancen versprach, dass man über die Imageeinbußen in Amerika und Europa hinweggesehen hat.
Alles nur Schein
Das Geld für den Kauf der Marke besaßen die vier Partner nicht; wir reden hier schließlich von Summen, die im sechs- bis siebenstelligen Bereich anzusiedeln sind. Stattdessen wurde nach Investoren gesucht, die die Rechnung begleichen sollten. Als dies misslang, wurden fällige Zahlungen an Munoz’ Firma NewWorld.com, Inc. immer weiter hinausgezögert, indem man nach vertraglichen Lücken suchte und durch den Kauf der “Cyberathlete Amateur League”-Marke Zeit schindete.
Scott Valencia griff währenddessen nicht nur auf Marktforschungsdaten aus der Marketingabteilung seines damaligen Arbeitgebers zurück, sondern nutzte sogar von der Championship Gaming Series bezahlte Geschäftsreisen, um Partner für die CPL zu gewinnen. Hinzu kommt, dass der Klischee-Texaner nach Schließung der Liga im November 2008 ein viermonatiges Wettbewerbsverbot unter Weiterbezahlung seiner vollständigen Bezüge unterzeichnete, obwohl er zu der Zeit, wie schon in den Monaten zuvor, unentwegt an der CPL arbeitete. Alleine die in diesen vier Monaten erschlichenen Zahlungen beziffert Welch auf über 61 000 US-Dollar, was ein Monatsgehalt von mindestens 15 000 $ nahe legt.
Auch Valencias für die CPL angedachtes Geschäftsmodell ruft Skepsis hervor: Ein progaming-fokussiertes Social Network sollte aufgebaut und möglichst schnell für möglichst viel Geld wieder veräußert werden, am besten innerhalb der ersten zwei Jahre. Tonya Welch entwickelte daraufhin ein laut eigener Aussage von den anderen Beteiligten sehr positiv aufgenommenes Ligakonzept, bei dem die Spieler enormen Einfluss auf die Gestaltung des Turnierbetriebs bekommen sollen. Dieses wurde, als die ersten Investoren Gefallen daran zeigten, sogleich von Scott Valencia für sich beansprucht.
CPL meets Web 2.0
Nichtsdestotrotz ließ Welch sich immer wieder von Neuem auf seine Lügen ein – die Naivität und die Angst vor Arbeitslosigkeit überwogen, sagt sie heute. Erst im April 2009 zog sie die Reißleine, nachdem sich abzeichnete, dass keine der beiden von ihr am Anfang gestellten Bedingungen eingehalten werden würde. Zum einen forderte sie, dass der frühere Eigentümer NewWorld.com, Inc. keinerlei Mitspracherecht an der neuen CPL haben dürfe, zum anderen bestand sie auf dem Begleichen der Schulden gegenüber früheren Preisgeldgewinnern. Auch hier ist Scott Valencia ihr gegenüber nicht ehrlich gewesen. Einmal zuviel.
Die Enthüllungen von Tonya Welch sind ein waschechter Skandal. Doch die Geschichte der CPL ist damit wahrscheinlich noch nicht zu Ende: Das alles spielte sich vor einem Jahr ab, und noch heute existiert die neue, pseudo-arabische CPL. Für den ersten Mai wurde eine große Bekanntgabe angekündigt. Es bleibt abzuwarten, ob uns eine baldige Gegenoffensive von Scott Valencia erwartet oder ob es der ehemaligen Mitarbeiterin tatsächlich gelungen ist, den letzten Sargnagel einzuhämmern und das Kapitel CPL damit endgültig zu beenden. ð
Ein Artikel von Lari Syrota. Die Rechte an dem Bild liegen bei readmore.de.
Quellen:
1: http://www.complexitygaming.com/index.php?c=news&id=1704
2: http://www.ggl.com/?controller=News&id=2672&method=article
3: http://english.cdwh.gov.cn/newsall.asp?pid=8&cid=94&id=198



