Reiseführer für das Paralleluniversum
Es war ein ambitioniertes Projekt, dem sich Produzent Moritz Schmall (fullscrn, u.a. “After Hours“) und Regisseur Thomas Wüstemann (Morphium Film) im Juni vergangenen Jahres verschrieben hatten. Nach dem Erfolg ihrer gemeinsamen Dokumentationsreihe “Bubble Universe”, in der das Leben dreier “World of Warcraft”-Spieler begleitet wurde, sollte das Augenmerk in der zweiten Staffel auf den eSport gelegt werden. Tatsächliche Ingame-Szenen machen dabei aber nur einen Bruchteil aus: Hauptsächlich wurde das Lebensumfeld der vier Protagonisten (Marc ‘yAws’ Förster, Wolfgang ‘tankJr’ Maurer, Jeannine ‘Playmate’ Brand und Oldschool-Veteran Sebastian ‘JahFish’ Clave) dokumentiert – welchen Stellenwert hat das Gaming in ihrem Leben? Welche Aufgaben und Pflichten bringt das Leben als professioneller Spieler mit sich? Ferner kommen (gamingtypisch als NPCs, also nicht-spielende Charaktere) betitelte Personen hinter dem eSport zum Wort: Von community-bekannten Gesichtern wie Jan-Hendrik ‘cYph’ Heuschkel (readmore), David ‘affentod’ Hiltscher (ESL) oder Thomas von Treichel (WCG Germany) bis zu Forschern wie Prof. Dr. Jörg Müller-Lietzkow (Institut für Medienwissenschaft der Uni Paderborn).
Schmall und Wüstemann begehen damit einen neuen Weg – auf der einen Seite erklärender und professioneller als Dokumentationen, die aus dem “Bubble Universe” selbst kommen, andererseits auch wesentlich unvoreingenommener und umfassender als das Gros der Filme, die klassische Medien zu diesem Thema produzieren. Der dafür betriebene Aufwand setzt Maßstäbe: Einen Monat habe die Recherche für die Serie gedauert, nach drei Wochen Drehzeit an verschiedenen Orten in ganz Deutschland nahm der Schnitt sowie die Aufnahme der Musik (darunter der eigens produzierte Titelsong “Face your enemy” von Sam Schlatow) in Anspruch. Über die Höhe des Budgets schwieg man sich aus, Produzent Schmall deutete aber an, dass es “in etwa in der Höhe eines Musikvideos für einen nationalen Newcomer” lag. ePen sprach nun mit dem Produzenten und dem Regisseur der Serie über die Motivation, “Bubble Universe 2″ anzugehen, die Probleme und Umstände des Drehs sowie den derzeitigen Zustand des elektronischen Sports.
ePen.is: Moritz, Du hast Dich als Produzent vielfältigen Aufgaben gewidmet, sehr viel in der Musikbranche gemacht, dabei Videos für bekannte Künstler wie Frittenbude, Die Happy oder Juli produziert. Was findest du an eSport so interessant, eine Doku darüber zu produzieren?
Moritz Schmall: Richtig ist, dass ich in den vergangenen Jahren einige Musikvideo produziert habe – die meisten hiervon freiberuflich. Musikvideos sind und bleiben eine gute Option um vertiefende, professionelle Erfahrungen mit finanzierten Produktionen zu bekommen. Zum E-Sport: hieran interessiert mich vor allem das Phänomen, dass es immer mehr (v.a. junge) Menschen gibt, die sich professionell mit dem Computerspielen beschäftigen. Der Computer ist ja noch eine junges Kind, viele ältere Menschen haben hiervor schlicht zu großen Respekt. Doch die kommenden Generationen werden sicherlich mit E-Sport so umgehen, wie wir das heute mit – sagen wir – Basketball tun. So ist mein Interesse hierüber eine Doku zu produzieren sicherlich so zu verstehen, als dass ich da auf eine ziemlich große Welle aufmerksam machen will. Eine, die in Korea schon angekommen ist und unweigerlich auch Deutschland treffen wird. Die ersten Vorboten dieser Welle haben wir versucht in unserer Serie zu dokumentieren.
Und wie kam es dann konkret zu “Bubble Universe”?
Moritz Schmall: Die Idee der Serie stammt von Regisseur Thomas Wüstemann, mit dem ich bereits mehrfach zusammen arbeiten konnte. Als mir Thomas seine Idee des Bubble Universe schilderte, war klar, dass wir gemeinsam versuchen wollen hieraus eine Serie zu realisieren. Die 1.Staffel unseres Bubble Universe lief dann im letzten Jahr erfolgreich auf dem Web-Serie Portal 3min.de. Nach Ablauf der 1. Staffel war allen Beteiligten schnell klar, dass es eine Fortsetzung geben müsse. Dieses ist nun seit einer Woche auch bei 3min.de online zu sehen.
Was bewog Dich denn dazu, Dich mit dem Thema “elektronischer Sport” auseinanderzusetzen, Thomas?
Thomas Wüstemann: Nach der ersten Staffel, die von World of Warcraft handelte, war schnell klar, dass 3min.de auch in einer zweiten Staffel beim Thema Gaming bleiben wollen würde. Es gibt jede Menge Real-Life-Formate auf 3min, aber ein Konzept, das direkt die Online-Klientel mit einem Onlinethema anspricht, hatte zu diesem Zeitpunkt eben nur Bubble Universe. Also haben wir überlegt, wie man den Bogen Gaming weiter denken könnte, und da wir schon in der ersten Staffel mit E-Sportlern zu tun hatten, und dafür auch schon im ESC-Icybox-center zu Besuch waren, fiel die Wahl schnell auf dieses Thema.
Spielst Du selbst?
Thomas Wüstemann: Ich bin in dieser Hinsicht ein wenig Spätzünder. In der Kindheit hatte ich weder Computer noch Fernseher, und habe erst 2001 angefangen, wirklich zu spielen. Ich war sofort fasziniert von der neuen Welt, und habe mich durch die Historie vorangearbeitet. Angefangen mit Textadventures und ganz alten Grafikadventures, bis ich mich langsam an 3D-Engines rangetraut habe. Das ist eine sehr angenehme Art, eine Kunstform für sich zu entdecken, aber natürlich fehlt mir ein wenig der spielerische Background.
Darüber hinaus sind wir schon eine Spiele-infizierte Firma. In unserem Büro stehen mehrere Konsolen für die Renderpausen, und mir wird immer das ‚Dr. Mario’-Duell mit Nina, der Protagonistin aus dem ersten Teil von Bubble Universe, im Kopf bleiben. Sie ist die einzige, die es mit mir aufnehmen kann. Ich hoffe irgendwann auf eine E-Sport-Liga in diesem Spiel. (grinst)
Du sprichst gerade die Protagonisten an. In “Bubble Universe” waren die im Grunde allesamt in oder um Berlin angesiedelt – für die Aufnahmen bei yAwS in Andernach und bei tankJr in Bergisch Gladbach musstest Du schon etwas reisen. Was bestimmte die Auswahl der Charaktere?
Thomas Wüstemann: Das Reisen ist natürlich ein großes Budgetproblem, weshalb sich die Drehorte in Staffel 1 hauptsächlich auf Berlin beschränkten. Bei Staffel 2 war uns aber relativ schnell klar, dass wir den Fokus aus Berlin weglenken müssen, um die richtigen Protagonisten zu finden. Ich hatte zunächst den Plan, einen Starcraft-Spieler als Hauptprotagonisten zu nehmen, hauptsächlich aus meiner Unkenntnis der wahren Strukturen in Deutschland heraus. Nachdem alle Starcraft-Spieler abgesagt hatten, wurde mir dann der Kontakt zu yAwS zugespielt, der sich sofort begeistert zeigte. Wegen der langen Reisezeit habe ich dann mit ihm nur ein telefonisches Vorgespräch geführt, und ihn erst zum Qualifying des WCG-National Finals, das unser erster Dreh mit ihm war, persönlich kennengelernt. Gott sei Dank hat sich yAwS als echter Glücksgriff erwiesen.
Von Wolfgangs Geschichte war ich sofort begeistert. Wir hatten uns mit Rolf und Till vom ESC eigentlich nur aus Recherchezwecken getroffen, da wir sie ja schon aus der 1. Staffel kannten. Sie haben uns dann vom anstehenden Bootcamp erzählt, was uns einerseits eine gute Storyline geliefert hat, und sich andererseits positiv aufs Budget auswirkte, da wir für den Dreh in Berlin bleiben konnten. Außerdem passt Wolle als EPS-Underdog hervorragend in eine Sportdoku.
Bei Playmate und Jah Fish war schon die Bedingung eines Berlindrehs, ich habe aber das Gefühl, dass wir auch hier keine inhaltlichen Kompromisse schließen mussten.
In der ersten Folge legst Du bereits sehr viel Wert darauf, das Umfeld der Spieler zu beleuchten, Marc stellt Andernach vor, Jeannine später Berlin-Britz. Wieso?
Thomas Wüstemann: Wahrscheinlich kommt es auch ein wenig daher, dass ich selbst als Berlin-Immigrant schon sehr stolz auf meine neue Heimat bin. Ich glaube, dass die Umgebung viel über die Persönlichkeit eines Menschen erzählt. Und natürlich ging es auch darum, mehr als nur Bilder vom Rechner zu haben.
Ich glaube, insbesondere in der Vorstellungsfolge von Wolfgang ist es sehr gut gelungen, ihn über sein persönliches Umfeld vorzustellen. Wenn man Wolles Vater reden hört, wird dem Zuschauer schon ganz viel über Wolfgang selbst erzählt.
Hattest Du, vor Beginn der Dreharbeiten, ein Bild vom “typischen eSportler” im Auge? Und inwiefern hat sich dieses im Verlauf der Arbeit bestätigt oder verändert?
Thomas Wüstemann: Ich hatte vor Produktionsbeginn überhaupt kein bestimmtes Bild. Ich hatte eine vage Vorstellung, was eSport ist, habe aber erst im Verlauf der Recherche Genaueres erfahren. Dadurch war auch der Dreh selbst ein ständiger Lernprozess. Wir haben relativ zu Beginn des Drehs zum Beispiel das Interview mit Prof. Dr. Jörg Müller-Lietzkow geführt, der mir viele gute Argumentationsansätze geliefert hat. Ich habe diese Ideen und Fragen dann in andere Interviews eingebaut, auf diese Weise meine eigenen Kenntnisse verfeinert, und, so glaube ich, auch den einen oder anderen Interviewpartner zum Nachdenken gebracht.
Wo liegen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den WoW-Spielern, die du im ersten Teil begleitet hast, und den eSportlern aus Bubble Universe 2?
Thomas Wüstemann: Die Unterschiede sind schon in den Spielen begründet. WoW-Spieler sind Entdecker, die sich lange in der weiten Landschaft des Spiels aufhalten, und die Darstellungsform genießen. Das macht World of Warcraft zu so einem entspannten Hobby. yAwS beispielsweise hat in Warcraft 3 nie die Kampagne gespielt. Vom ersten Moment an war er auf den direkten Vergleich zwischen Spielern aus. Das macht natürlich auch die Protagonisten aus Staffel 2 zielorientierter, was auch Auswirkungen auf den Dreh hatte. Ein entspannter Spaziergang wie mit Jens in Folge 2 der ersten Staffel war nicht denkbar. Zumindest die drei Hauptprotagonisten der zweiten Staffel waren sich ihrer Wirkung und ihren Zielen vor der Kamera sehr viel bewusster.
Die Protagonisten beider Staffeln waren sehr bemüht, ihr Hobby ins richtige Licht zu rücken, und haben unsere Anregungen und Fragen sehr gut angenommen. Beide Szenen sind leider durch schlechte Berichterstattung gebrandmarkt.
Was kann der eSport denn in deinen Augen tun, um von der Öffentlichkeit besser angenommen zu werden?
Thomas Wüstemann: Die E-Sportler haben sich sehr in ihrer Szene eingeigelt. Man sieht das schon an den Comments zur 2. Staffel, die hauptsächlich auf den Szeneseiten stattfinden. Auf 3min.de selbst ist kaum eine Reaktion zu lesen – so erreicht man natürlich kein neues Publikum.
Seit dem Dreh verfolge ich auch die EPS-Übertragungen auf ESL-TV. Die sind komplett auf ein E-Sport-Publikum ausgerichtet. Jemand, der von den Spielmechaniken keine Ahnung hat, kann den Kommentatoren nicht folgen. Wenn in Deutschland zum Beispiel erstmalig ein Footballmatch im Fernsehen übertragen wird, verbringen die Moderatoren die Hälfte der Zeit damit, das Spielprinzip zu erklären, um ein neues Publikum einzuweisen. Solange nicht auch im E-Sport respektiert wird, dass ein frischer Zuschauer noch nicht das Verständnis für die Spiele hat, kann sich die Szene auch nicht nach außen präsentieren.
Wie würdest du denn dann die Zielgruppe deiner Dokumentation beschreiben? Eher der eSport-affine readmore-User, dem die Personen dahinter näher vorgestellt werden? Oder der “Casual Gamer”, der a la “Du willst wissen, was eSport ist? Dann schau Dir das an!” aufgeklärt wird?
Thomas Wüstemann: Wir haben schon versucht, zwei unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen. Auf der einen Seite wollten wir Menschen, die diese Spiele und Szenen gar nicht kennen, einen ersten Eindruck geben, auf der anderen Seite aber genug spannende Geschichten und Interviews für den Insider mit einbringen. Ich denke dass dies in der ersten Staffel etwas besser gelungen ist. Hier haben wir Feedback von Menschen bekommen, denen WoW vollkommen fremd war, und die sich nach der Serie die Demo runtergeladen haben. Das Thema E-Sport ist leider etwas komplexer, und dadurch für den komplett Ahnungslosen etwas schwieriger zu fassen. Ich hoffe dennoch, dass wir das Thema einfach genug dargestellt haben, um auch Außenstehenden einen Einblick zu bieten. Darum geht es doch letztendlich.
Da wäre doch der erklärende Kommentar eines Off-Sprechers ganz hilfreich…
Thomas Wüstemann: Ich hatte mir die Option, einen Off-Kommentar einzusetzen, während der Produktion der 1. Staffel bis zum Ende offen gelassen. Budget dafür war kalkuliert, das dann glücklicherweise komplett in den Introkommentar von “Star Trek”-Sprecher Harald Dietl fließen konnte.
Ich war mir während des Drehs noch unsicher, ob ich das Thema ohne weitere Erklärung durch einen Kommentar vermitteln kann. Der Plan war aber schon, die Spieler für sich selbst sprechen zu lassen. Wir reden bei Bubble Universe zwar nicht von einer objektiven Dokumentation, es war aber immer mein Ziel, der Persönlichkeit und den Erfahrungen der Protagonisten auch im Schnitt gerecht zu werden. Das wäre durch einen Off-Kommentar nur verwässert worden.
Tobi sprach im ersten Teil von Bubble Universe davon, dass ihm das Spiel geholfen habe, sich “in die Gesellschaft zu integrieren”. Wie beurteilst Du selbst die Wirkung von Spielen auf Individuen bezüglich ihrer gesellschaftlichen Integration?
Thomas Wüstemann: Für mich stellt sich diese Frage eigentlich gar nicht. Computerspiele sind eine Kunstform, ähnlich wie Filme und Bücher. Niemand fragt bei Büchern nach der gesellschaftlichen Integration. Obwohl auch Literatur manchmal Denkanstöße geben kann, die das persönliche Leben beeinflussen. Aber das muss sich für jeden individuell zeigen. Kunst und Sport können nur Anregungen geben. Es kann nicht sein, dass die Gesellschaft von der Kunstform Computerspiel eine solche Daseinsrechtfertigung verlangt.
Siehst Du selbst eSport als Sport?
Thomas Wüstemann: Ich hätte gern gesagt: Ja, natürlich. Nach dem oben angesprochenen Gespräch mit Prof. Dr. Jörg Müller-Lietzkow bin ich allerdings ins Zweifeln gekommen. Ich verweise hier gern auf die kommende 15. Folge der Serie, in der er seine Bedenken ausführt. Es fehlen einfach die sportlichen Strukturen, die Disziplin, die Trainer.
Der eSport hat sicher das Potential, zur Sportart zu werden. Momentan aber ist die Szene zu schnelllebig. Wenn eine Disziplin wie Warcraft 3 vom Sterben bedroht ist, nur weil ein neues Spiel auf den Markt kommt, kann kein nachhaltiger Aufbau von Sportstrukturen einsetzen.
Welche Geschichten sind dir denn aus der Drehzeit besonders in Erinnerung geblieben?
Thomas Wüstemann: Die Anekdoten sind so zahlreich, dass es schwerfällt hier davon zu erzählen. Wenn wir eine Doku wie Bubble Universe drehen, dann sind wir selbst für Monate in einem Paralleluniversum – jedes Hoch und Tief der Emotionen wird im Bilderbuch der Erinnerung abgespeichert. Mit Familie Förster nach Drehende auf dem Balkon zu sitzen und Sekt zu trinken. Die ausufernde Feier mit dem ganzen ESC-Team, nach deren Ausscheiden aus den WCG National Finals (wo wir eine ganz neue Seite von Wolfgang kennengelernt haben). Der Moment, als yAwS das entscheidende Spiel gegen HasuObs gewonnen hatte, die Arme zum Jubel hochriss, und allein Kameramann André die Nerven hatte, ganz in Ruhe die Kamerafahrt zu starten, während ich selbst mich schnell von der Kamera zurückziehen musste, um nicht durch meinen Jubelschrei die Aufnahme zu zerstören.
Seid Ihr mit dem Werk an sich sowie mit dem Feedback, das es bislang erhalten hat, soweit zufrieden?
Moritz Schmall: Ich finde die Serie durchaus sehenswert. Wie so oft wird man nie ganz zufrieden sein, aber die Möglichkeit, sich einen Überblick über den deutschen E-Sport zu verschaffen – und dazu noch beiläufig in die Geschichte des E-Sports blicken zu können – ist nun vorhanden. Und das war uns wichtig. In wie weit das jetzt, von der ja durchaus sehr aktiven Online-Community bewertet wird, bleibt abzuwarten.
Thomas, Moritz, wir bedanken uns für das Gespräch.
Das Interview führte Christian Bauer. Die Rechte an den Bildern liegen bei Morphium Film und Moritz Schmall.








