Immer noch eine Formel 1 des eSports?

“Wie steht es um Quake in Deutschland?”

Quake Live ist international gesehen aktuell im Kommen; die ESL Intel Extreme Masters haben viele alte und neue Gesichter dazu bewegt, die Maus in die Hand zu nehmen. Auch in Deutschland bewegt sich einiges. So hat die ESL für Quake Live eine eigene Supported EPS ins Leben gerufen, und es scheint, als sei dies noch längst nicht alles. Die Frage, ob das Duelling 2010 eine Renaissance feiern wird, ist also durchaus berechtigt. Wir haben den deutschen Vorzeige-Quaker Marcel ‘k1llsen’ Paul, den für die Zotac- und GData-Cups verantwortlichen Freaks-4U-Mitarbeiter Raphael ‘vash’ Baur sowie mousesports-Manager René Lannte eingeladen, um über die aktuelle Lage und mögliche Perspektiven zu diskutieren.

eSport-Stammtisch 02/2010 mit Lari ‘D.Devil’ Syrota, Christian ’schtrülüschüs’ Bauer, Marcel ‘k1llsen’ Paul (Quake-Spieler), Raphael ‘vash’ Baur (Turnierleiter bei Freaks 4U) sowie René ‘René’ Lannte (Management von mousesports).

Zunächst wurde die Frage gestellt, inwieweit die neue ESL Pro Series bereits Auswirkungen auf die deutsche Quake-Szene gehabt hat. Für k1llsen stand fest: “Also jeder Deutsche hat wohl darauf gewartet, dass Quake den Schritt in die EPS schafft.” Ebenso denkt er, dass es positive Auswirkungen auf die hiesige Konkurrenz haben wird. Er beurteilt es positiv, dass viele Clans nun Interesse an Quake Live finden. vash war zwar der Meinung, dass es noch etwas langsam anläuft, die Strukturen findet er aber bereits sehr gelungen. “Die großen Clans halten sich noch zurück, aber ich denke, das wird im Falle einer zweiten Saison anders werden.” Rene riet dazu, keine zu schnellen Schlüsse zu ziehen: “Sicherlich liefert die ESL mit der EPS eine gute Struktur als Basis, inwiefern die Spieler das dann aber letzendlich zu ihrem Vorteil nutzen werden, muss man mal abwarten. Veränderung wäre insofern wünschenswert, dass sich mehr deutsche Spieler mit QL auf professioneller Ebene befassen und mit dem höheren Trainingspensum dann auch international in Erscheinung treten können.”

In der ersten Saison schüttet die ESL in Quake Live 3200 Euro aus, im Vergleich zu anderen Disziplinen also eher wenig. k1llsen macht das nichts aus, denn laut eigener Aussage muss er auf seinem derzeitigem Level nicht ganz so viel Zeit investieren, um da zu bleiben, wo er ist.  “Für ein deutsches Turnier ist das Preisgeld aber okay,” findet er. Darin, dass das EPS-Preisgeld nicht sonderlich hoch ist, sieht im Übrigen auch vash kein Problem: “Für Quake-Verhältnisse ist das gebotene Preisgeld schon recht ordentlich, jedoch sind Quaker nicht an regelmäßige Duel-Ligen gewöhnt, das muss sich in der Szene meiner Meinung nach noch einleben.”

Ligen versus Cups

D.Devil machte darauf aufmerksam, dass sich die Wettbewerbslandschaft in Quake tatsächlich stark von den anderen eSport-Disziplinen unterscheidet. Auf die Frage, wann er zum letzten Mal in einer echten Liga gespielt habe, antwortete k1llsen: “Zuletzt, als ich angefangen habe, Q3 zu spielen, als es noch rein um Fun ging, mit meinem ersten Clan.” Es kommt seiner Meinung nach aber nicht so sehr auf die Turnierform an, sondern eher darauf, wie ernst die Spieler den Wettkampf nehmen.

schtrlschs stellte sich die Frage, ob k1llsens Vorsprung für andere Spieler nicht demotivierend sei: “Ich meine, bei Cups kann es passieren, dass du mal ‘nen schlechten Tag hast oder ähnliches, aber bei einer Liga über mehrere Spieltage gleicht sich das aus…” Doch ganz so aussichtslos ist die Lage für Newcomer laut k1llsen nicht: “Vielleicht, aber viele haben die Chance, oben mitzuspielen. Ich meine, z.B. burnedd hat auch ganz unten angefangen und zählt schon zu den kleinen Talenten von morgen und ich denke, dass auch viele andere diese Chance haben.”

An Motivation mangelt es wohl nicht: “Ich habe das Gefühl, dass sich die EPS-Spieler sehr reinhängen und viel trainieren im Vergleich zu vorher – und das auch wesentlich gezielter,” so vash. k1llsen sieht das ähnlich: “An sich ist die Stimmung sehr gut. Bisher gab es so eine Liga im Duel-Bereich nicht und jetzt, wo sie endlich da ist, sind viele sehr ehrgeizig, selbst wenn sie “nur” um einen Top-5-Platz spielen wollen.” Für ihn selbst habe sich aber so gesehen nichts geändert: Er sieht die EPS quasi als Ersatz für das IEM World Championship, welches er knapp verpasst hat.

D.Devil kam daraufhin auf den Aspekt der Clans zu sprechen. Seiner Ansicht nach sind viele Clans erstaunlich zurückhaltend, was Quake Live betrifft. Er fand, dass das Spiel in Deutschland dank der EPS ziemlich attraktiv geworden ist, auch wenn die einschlägigen deutschen Webportale in Sachen Coverage noch nicht mit ihrem vollen Arsenal auffahren. mousesports-Manager Rene meinte, dass die Clans einfach zunächst einmal beobachten wollen, wie sich die Liga hierzulande entwickelt: “Interessant wird eine EPS, wenn entsprechender Rummel entsteht. Das heißt, Berichterstattung nicht nur auf Szeneseiten, sondern insbesondere in anderen Medien. Ich denke, die QL-EPS muss sich in ihrer ersten Saison ähnlich beweisen wie die Supported EPS in CS:Source damals.”

Abwarten, wie sich die EPS entwickelt

Das Erwähnen von CS:Source, das ja seinerzeit als Supported EPS den Einstieg in die deutsche eSport-Königsklasse fand, brachte die Diskussionsrunde zu der Frage, ob denn auch Quake Live eine ähnliche Zukunft bevorsteht. “ESL-TV-Übertragungen, Intel Friday Night Games… ich glaube, das ‘Supported’ steht in diesem Kontext eher für ‘Test’,” so D.Devil.

schtrlschs merkte an, dass er das Gefühl hat, Quake Live würde die Spielerbasis fehlen. Es gäbe zwar eine lebendige Profiszene, es würden aber zu wenige Spieler von unten nachrücken. vash sieht die Sache allerdings so, dass Quake Live hier gegenüber den Vorgängern im Vorteil ist: “In Q3 hatte man nahezu keine Chance, als Einsteiger etwas zu reißen…” eSportler fand ebenfalls, dass man sich bei id Software mit Quake Live in Richtung Basis bewegt. “Nur dauert es nun seine Zeit, bis diese Basis auf elitäres Niveau nachrücken kann.”

Es kam die Frage auf, ob seitens id Software denn noch eine größere Marketingkampagne geplant ist, sobald das Spiel aus der Betaphase heraus ist. Die anwesenden Teilnehmer bezweifelten das eher und glauben auch nicht daran, dass das einen großen Spielerzuwachs mit sich bringen würde. Quake Live ist für Casual-Spieler nicht interessant genug, so die vorherrschende Meinung.  Somit schien klar zu sein, dass der eSport für die Verbreitung von Quake Live von essentieller Bedeutung sein dürfte, was auch die enge Zusammenarbeit mit der ESL und anderen Turnierveranstaltern erklärt.

D.Devil wollte im Anschluss daran wissen, wie wichtig die besagte Amateurszene für Quake denn eigentlich ist. “Ich meine, kann so etwas wie die bei Painkiller oft erwähnte “Formel 1 des eSports” denn nicht auch funktionieren?” So bemerkt er, dass selbst die meisten Leute, die von unten nachkommen, keine totalen eSport-Neueinsteiger sind, sondern beispielsweise über Counter-Strike oder Warcraft III den Weg ins Duelling finden – nicht selten  gerade deswegen, weil sie die Profiturniere mit großem Interesse verfolgt haben. Und genau darin liege ja der Kern des eSports auf professioneller Ebene: Zuschauen. Daran, dass Quake Live auch für nicht-fachkundige Zuschauer attraktiv ist, bestanden innerhalb der Diskussionsrunde keine Zweifel.

Ist eine große Spielerbasis notwendig oder nur nice-to-have?

Auch vash fand, dass man prinzipiell auf eine breite Spielermasse verzichten könnte, sofern die Profiwettbewerbe dennoch genug Aufmerksamkeit bekommen. Quake-Spieler Arkarius wollte sich mit dieser Sichtweise jedoch nicht anfreunden: “Der eSport kommt aus den Teams, aus der aktiven Community. Wo wäre die ESL heute ohne die vielen ehrenamtlichen Admins?” D.Devil meinte, dass man zwischen Aufstieg und Status quo unterscheiden müsse: “Quake hat das doch schon hinter sich.” Weiter wies er darauf hin, dass man die verschiedenen Anspruchsgruppen einzeln betrachten sollte: “Spieler, die viele Gegner und Amateurturniere wollen… Profispieler, die hohe Preisgelder wollen… Veranstalter, die viel Aufmerksamkeit wollen… Zuschauer, die viele spannende Matches wollen…”

Um eine aktive Spielerschaft in Quake Live aufzubauen, sei es essentiell, dass es Profiturniere und Stars wie k1llsen gibt, die Amateure auf das Spiel aufmerksam machen. Arkarius widersprach: “Du baust bei einer Pyramide ja auch nicht erst die Spitze,” woraufhin D.Devil ihn darauf aufmerksam machte, dass es diese Pyramidenspitze in Quake Live aber bereits gibt und man sie nicht erst bauen müsste. “Das hier ist doch kein Planspiel ‘wir bauen uns Quake in den eSport’ – die Serie gibt es schon seit über zehn Jahren!”

vash sah das ganz ähnlich: “Ich denke, man muss weiterhin solche Strukturen wie die EPS schaffen, mit der EAS als Qualifikationsmöglichkeit. Ab da kann man dann auch besser Amateurcups und -ligen einführen, indem man z.B. Spieler aus der EPS und den oberen EAS-Divisionen ausschließt.” k1llsen stimmte dem zu: “So etwas muss Schritt für Schritt gemacht werden, das dauert eben seine Zeit.”

Eine vollständige Logfile des Stammtisches ist direkt hier auf ePen.is abrufbar. ð

Ein eSport-Stammtisch von Lari Syrota und Christian Bauer mit den Gästen Marcel Paul, Raphael Baur und René Lannte. Die Rechte an den Bildern liegen bei readmore.de sowie bei Julia Christophers.

blog comments powered by Disqus