Die Suchenden vom Ende der Welt

Ganz Island hat kaum mehr als 300 000 Einwohner und bewegt sich damit in der Größenordnung von Städten wie Bonn und Mannheim. Mit einer Bevölkerungsdichte von nur 3,1 Einwohnern pro Quadratkilometer ist es eins der fünf am wenigsten besiedelten Länder weltweit.1 Der eisige Inselstaat ist jedoch alles andere als unscheinbar: Island gilt als älteste funktionierende Demokratie der Welt und hatte bis vor kurzem den am Human Development Index gemessen höchsten Lebensstandard.

Auch im eSport sind die Isländer bemerkenswert. Das Aushängeschild in Sachen Counter-Strike, seven, zeigte schon öfter gute Ergebnisse auf Turnieren im Ausland. Der Kader blieb dabei seit 2005 weitestgehend unverändert: Andri ‘andr1g’ Gunnarson, Guðmundur ‘roMim’ Jónsson, Brynjar ‘deNos’ Jóhannsson, Birgir ’sPiKe’ Águstsson und Arnar ‘Vargur’ Hólmgeirsson heißen die tapferen Recken aus dem hohen Norden.

Auf der shgOpen 2006 betrat seven erstmals das internationale LAN-Parkett; es reichte nach einer Niederlage gegen die Schweden von Speed-Link aber nur zu Platz 17-24. Ein halbes Jahr später feierten die Akteure auf dem WSVG-Stop in London ihren bis dato größten Erfolg. Nach Siegen u.a. gegen ID Gaming und mTw unterlagen sie erst im Lower-Bracket-Finale SK Gaming mit 10:16. Mit Platz vier auf dem relativ stark besetzten Turnier sorgten sie international für Aufsehen, wurden aufgrund der speziellen Preisgeldverteilung der World Series of Video Games jedoch nicht finanziell belohnt. Auch die Qualifikation für die WSVG Finals verpasste seven um Haaresbreite.

Dann war es für lange Zeit erst einmal still um die Isländer. Erst Mitte 2009 machten sie wieder von sich reden, und zwar auf der GameGune im spanischen Bilbao. Trotz eines Gruppenphasensieges gegen TBH eSports fiel das Fazit ernüchternd aus: Mit Platz 13-16 verpasste das Team rund um andr1g eine weitere Gelegenheit, in der CS-Welt Aufsehen zu erregen.

Den schlechten Trainingsverhältnissen zum Trotz

Die Leistungen des seven-Aufgebots sind deshalb so eindrucksvoll, weil die Bedingungen, unter denen sie erbracht wurden, denkbar schlecht sind. Island hat eine sehr kleine nationale Szene, es ist also notwendig, hauptsächlich gegen Gegner aus dem Ausland zu trainieren. Reykjavik ist jedoch über 800 km von europäischem Boden – dem nördlichsten Zipfel Schottlands, um genau zu sein – entfernt. Die Spieler haben mit Pings von 60-80 ms zu kämpfen. Hinzu kommt, dass das Routing gerade nach Skandinavien besonders schlecht ist, sodass die Isländer sich auf britische, französische, holländische und deutsche Server beschränken müssen. “Man gewöhnt sich irgendwann an die hohen Pings”, meint andr1g, gesteht allerdings ein: “Online und offline sind für uns ganz andere Welten.”

Andere haben es noch schwerer. In Quake ist der Ping bekanntlich besonders wichtig, aber Eyþór ‘linkoo’ Kristjánsson und seine Mitstreiter haben es dennoch geschafft, auf hohem Niveau konkurrenzfähig zu werden. So hat linkoo sich mit einem deutlichen Sieg gegen den Ex-SK-Spieler fooKi für die Hauptrunde der europäischen Intel Extreme Masters qualifiziert. Dort verpasste er nur durch viel Pech den Einzug in die LAN-Finals: Im entscheidenden Spiel gegen calipt führte er auf der dritten Map anfangs mit 6:0, musste sich am Ende aber noch mit 7:12 geschlagen geben.

linkoo führt die überraschend guten Resultate der Isländer auf den hohen Lebensstandard und die hohe Technikaffinität zurück, doch andr1g bezweifelt das: “Ich denke nicht, dass es etwas mit den Lebensverhältnissen zu tun hat, sondern damit, dass es hier Menschen gibt, die bereit sind, viel Zeit, Anstrengung und Geld zu investieren, um die Nummer 1 zu werden. Hingabe ist das, was zählt.” Auf linkoo treffen diese Eigenschaften ohne Frage zu: “Ich persönlich versuche, in allen Dingen, mit denen ich mich beschäftige, immer besser zu werden. So auch beim Computerspielen.”

Nach dem Erfolgsgeheimnis seines Teams gefragt, meint andr1g: “In erster Linie liegt es sicherlich daran, dass wir seit Ewigkeiten dieselben vier Kernspieler haben und dass wir nicht einfach nur Teamkollegen, sondern auch im echten Leben gute Freunde sind. Außerdem bereiten wir uns immer sehr intensiv auf die Turniere vor, indem wir 1-2 Monate lang bootcampen.”

Es scheitert am Geld

Dabei liegt das größte Problem der Isländer nicht etwa in ihrer geographischen Lage oder der geringen Größe des Landes. Es mangelt schlichtweg an Sponsoren. Die Reisen ins Ausland wurden von seven komplett selbst finanziert: “Wir haben alles selbst bezahlt: Flüge, Hotels, usw. Es kann also wirklich weh tun, wenn man eine schlechte Leistung abliefert. Vor allem die GameGune letzten Sommer war wirklich schmerzhaft. Wir müssen ja jedes Event auch als eine Möglichkeit sehen, das Team und seine Spieler zu vermarkten.”

Die Spieler gehen mit einem hohen Maß an Ernsthaftigkeit an die Sache heran: “Natürlich haben wir immer danach gestrebt, professionell zu spielen und wir tun das eigentlich immer noch. Nach London 2006 hatten wir gehofft, etwas Unterstützung zu erhalten, aber die Angebote, die wir erhielten, waren leider nicht sonderlich interessant.”

So war das Fehlen eines Finanziers auch der Grund, weshalb seven 2007 und 2008 keine internationale LAN-Präsenz gezeigt hat. “Es lag am Geldmangel. Deswegen haben wir auch nicht so viel gespielt wie sonst. Wir sind zwar die ganze Zeit über halbwegs aktiv geblieben, aber in erster Linie warten wir nur im Hintergrund ab, bis wir ein interessantes Event entdecken, das wir bezahlen können. Für die GameGune habe ich erst einen Monat vor dem Turnier wieder angefangen, intensiv zu spielen.”

Auch 2010 wird andr1g die Augen offen halten; er schließt eine Teilnahme an einem europäischen Turnier nicht aus. Die Wirtschaftskrise macht es den Spielern jedoch nicht einfach. Die größten Banken Islands wurden bekanntlich zahlungsunfähig und mussten teilweise verstaatlicht werden. Die Währung – die Isländische Krone (ISK) – hat gegenüber dem Euro um ca. 70% an Wert verloren und es ist bis heute unklar, ob ein Staatsbankrott noch abgewendet werden kann. Die rund 4000 Euro, die für die GameGune-Teilnahme ausgegeben wurden, liegen da besonders schwer im Magen.

Spieler und Investoren in einem

Das ist auch der Grund, warum Eigenfinanzierung für linkoo keine Option ist: “Ich denke, ich spreche für alle von uns Quakern, wenn ich sage: Wir haben das Geld nicht! Diese verdammte Krise macht uns verrückt. Alles hier ist so teuer für uns, aber günstig für die Touristen.” Seine Reise auf die Dreamhack Winter wurde von Intel bezahlt, da er sich für das Finale des skandinavischen GameOn-Turniers qualifiziert hatte. In diesem wurde er direkt hinter fox Zweiter. Im Hauptturnier musste er sich allerdings in der ersten Runde der Playoffs dem Amerikaner DKT mit 9:13 und 4:9 geschlagen geben. Jetzt wartet linkoo auf eine neue Gelegenheit, sein Können im LAN zu präsentieren.

Die Finanzierung ist der limitierende Faktor für isländische eSportler, daran hegt andr1g keine Zweifel: “Es steht außer Frage, dass es am Geld scheitert. Wir brauchen mehr Stabilität und mehr LAN-Erfahrung – alle anderen Schlüsselfaktoren, um wirklich starke Leistungen zu zeigen, besitzen wir schon. Wenn wir an mehr Events teilnehmen würden, könnten wir mit Sicherheit auch mehr Erfolge feiern. London ist ein gutes Beispiel. Wir haben unsere Spitzenleistung abgerufen und richtig gut gespielt.” London, das ist nun über drei Jahre her. Damals spielte Vignir ‘WarDrake’ Hrannar Vignisson anstelle von Vargur, ansonsten ist alles beim Alten geblieben. Die Uhren ticken langsam in Reykjavik.

Außer seven gibt es laut andr1g vielleicht noch zwei bis drei mehr oder weniger ernsthafte CS-Teams in Island, die kontinuierlich besser werden wollen. Insgesamt schätzt er die Anzahl der regelmäßig aktiven Mannschaften auf höchstens 20. Nationale Turniere gibt es kaum. Heute ist einzig und allein noch die wiederholt veranstaltete Gamer-LAN mit ihren rund 350 Teilnehmern erwähnenswert. Dieses Wochenende findet gerade die erste Ausgabe im neuen Jahr statt. Angemeldet haben sich 25 Teams in CS:Source, 11 Teams in Call of Duty 4 und sieben Starcraft-Spieler.2 Im Counter-Strike-Turnier sind immerhin 37 Teams registriert; dem Erstplatzierten winken 50 000 ISK (umgerechnet 280 Euro) sowie fünf Eintrittskarten fürs Kino und für eine beliebige von Techno.is veranstaltete Party. Wie der Sieger aller Voraussicht nach heißen wird, dürfte klar sein.

Qualifikationsturniere für Events wie den World Cyber Games oder dem ESWC gab und gibt es in Island nicht. Man stand zwar mit den Veranstaltern in Kontakt, aber die Kosten, um einen Qualifier auszurichten und die Spieler zum Turnier zu schicken, wären zu hoch gewesen. andr1g findet, dass die Szene gerade von solchen Turnieren profitieren würde. Zwar wäre es seiner Meinung nach weiterhin so, dass ein bestimmtes Team die Wettkämpfe dominiert, aber “die Konkurrenz würde mit Sicherheit härter trainieren, wenn es um die Reise zur Weltmeisterschaft ginge statt um einen Karton Energydrinks”. Beim jetzigen Stand der Dinge sieht er keine besonderen Perspektiven für die isländische Szene. Außer seinem Team sei zurzeit niemand zu Erfolgen auf der internationalen Bühne fähig.

Auf die Frage, ob seven wieder durchstarten würde, wenn sich ein Geldgeber findet, zögert andr1g nicht eine Sekunde: “Auf jeden Fall! Ich müsste die Jungs nicht einmal fragen. Ich würde einfach anrufen und ihnen sagen, dass wir ab jetzt bootcampen. Es wäre sogar egal, ob jemand uns 100% finanziert oder nur 50% – wir sind jederzeit bereit!”

“I would just ring them up and tell them that we were going bootcamping”

Bei linkoo sieht es nicht anders aus: “Ich habe erst kürzlich mit xrebzy und serak darüber gesprochen. Es steht fest, dass wir verdammt viel trainieren und mit maximalem Engagement an die Sache herangehen würden. Wir würden eSport über alles andere stellen, wenn wir einen Sponsor bekämen.”

Vor allem gegen Ende ähnelt das Gespräch mit dem 18-Jährigen eher einer Bewerbung: “Es ist sogar um 100% günstiger für ausländische Organisationen, uns zu unterstützen, weil unsere Währung so schwach ist.” Man merkt ihm seine Verzweiflung an. “Ich möchte keine Namen nennen, aber es gibt viele Spieler, die schlechter sind als wir vier und trotzdem Sponsoren haben.” Er selbst hält Island im Übrigen für die zweitstärkste Quake-Nation der Nordischen Länder.

Ob linkoo des eSports wegen in ein anderes Land ziehen würde? “Das erste Land, das mir in den Sinn käme, ist Norwegen. Ich würde nur sehr ungern alle Leute, die ich kenne, verlassen, aber wenn es finanziell wirklich keine andere Möglichkeit gäbe, würde ich es wohl tun.”

Im Moment sieht es jedoch nicht danach aus: “Dazu müsste ich zuerst einmal einen Sponsor finden, um neue Motivation zum Spielen zu bekommen. Ich möchte nicht nur der Beste in meinem Land sein, sondern auf internationalen Events gut abschneiden. Ansonsten ist es wohl langsam Zeit für mich, aufzuhören. Ich habe Quake schon lange genug gespielt und ich sehe keinen Sinn darin, so hart zu trainieren, wenn ich nicht die Chance bekomme, auf einer LAN zu spielen.”

Düstere Aussichten. eSport in Island wäre wohl kein guter Stoff für einen Disney-Blockbuster. ð

Ein Artikel von Lari Syrota. Die Rechte an den Bildern liegen bei der NASA, Andri Gunnarson und bei Eyþór Kristjánsson.

Quellen:
1: http://de.wikipedia.org/wiki/Island
2: http://www.gamer.is/default.aspx?S=Skradlid

  • Sehr lesenswerter Artikel, dessen Herkunft nicht unbedingt bei einem Hobbyprojekt von eSportbegeisterten zu vermuten ist. Wirklich sehr gelungen :)
  • Ziemlich krass. Hätte nicht gedacht, dass es da so ein paar verrückte Leute gibt. Ich meine, wie können sie denn so ewig bootcampen und eSport über alles stellen? Müssen doch arbeiten! :D Aber würde mich sehr freuen, wenn die mal Sponsoren fänden. Dann könnte man wenigstens feststellen, ob sie eine Chance haben oder nicht.
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