Die Post-Ära des Größenwahnsinns?
Manchmal wäre so ein Blick in die Gedanken anderer ganz hilfreich, um einige Handlungen, Pläne und Ziele besser verstehen zu können. Besonders, wenn man als eigentlich erfolgreiches Team einen komplett anderen Kurs einzuschlagen versucht, hinterfragt man lieber mal den Sinn des Vorhabens. Und wird das Konzept des größenwahnsinnigen Warcraft-Teams auch im Post-MYM-Zeitalter der einzig wahre Weg bleiben? Zusammen mit den ePen-Experten Stefan ‘dArk’ Lehmann und Matthias ‘Losemann’ Beyer blicken wir genauer hinter die aktuelle Fassade der Institution “Warcraft-Team”.
Konservativ arbeiten ist nicht alles, verkehrt aber auch nicht
Gerade die deutsche Warcraft-Szene zeichnete sich lange Zeit durch ihre Beständigkeit und traditionsreiche Namen aus. Wenn man bedenkt, dass Teams wie n!faculty, starComa, AoD oder auch DkH schon früher auf größtenteils deutsche Mitspieler setzten und mit der ESL Premier League, später Bundesliga genannt, mit einer beträchtlichen Summe an Preisgeldern eine ideale Basis für jene gegeben war, wundert man sich heute doch oftmals über die Spielerpolitik einiger Teams.
Paradebeispiel n!faculty existiert in dieser Form schon seit einigen Jahren und absolvierte als einziges Team alle vierzehn Spielzeiten der Premier League. Obwohl man in fast jeder Saison als Mitfavorit auf den Titel an den Start ging, reichte es noch nie zum ersten Platz. Auch international folgten immer wieder Rückschläge – in die WC3L schaffte man es nie und in der ersten NGL-ONE-Saison sowie den folgenden NGL-TWO-Spielzeiten beendete man die Saison auf einem Abstiegsplatz. Ändern sollten das 2008 ein paar talentierte Russen: SDmK, Quai und BeckS wurden eingekauft, konnten die bisherige Situation allerdings nur marginal verbessern. Seitdem scheint man sich mit dem vorderen Mittelfeld abgefunden zu haben und setzt nebenbei noch auf die Nachwuchsarbeit – dem eigenen Ruf hat der Ausflug in osteuropäische Gewässer zumindest nicht geschadet.
Eine ähnliche Entwicklung durchlebte auch das jetzige Team Alternate: “Bei starComa erlebte man die Zeit als Teil einer großen Familie, die sich immer gegenseitig unterstützt, aufgebaut und angefeuert hat, hatte dafür aber kaum finanzielle Unterstützung. Bei Alternate merkte man dann schon eher, dass man in einer professionellen Umgebung spielen konnte“, beschreibt Stefan ‘dArk’ Lehmann den Schritt in eine anspruchsvollere eSport-Ebene, “vermissen möchte ich aber keine der zwei Zeiten. Ein neuer Spieler motiviert eigentlich immer, allerdings muss er auch eine Stütze im Team sein und kein Egoist. Bei SaSe beispielsweise hat man von Unterstützung nur wenig gesehen“, so dArk über die Zeit, in der Alternate die ersten Schritte in der WC3L wagte und mit SaSe und DeMusliM zwischenzeitlich auch international expandierte. Das Experiment Kim Hammar scheiterte aber recht schnell – und ab sofort verfolgte man auch bei Alternate wieder konservativere Ziele.
Egoismus? Profit? Normalzustand!
Zugegeben, ohne eine gewisse Dreistigkeit kommt man ja heutzutage nicht mehr weit. Doch wie weit kann ein Warcraft-Spieler heutzutage noch gehen, um nicht gänzlich leer auszugehen? “Egoismus ist relativ wichtig fuer einen Spieler, allerdings muss man auch Grenzen kennen“, erklärt der frühere MeetYourMakers-Manager Matthias ‘Losemann’ Beyer. Gerade einige deutsche EPS-Spieler bekundeten öffentlich, dass sie weniger Spaß am Spielen hätten, das Geld allerdings gern mitnehmen würden. Übertreiben kann man sowas natürlich auch, wie Dmitriy ‘Happy’ Kostin bei den Evil Geniuses – Gerüchten zufolge lehnte der Russe es ab, auf den gestellten Hosts in der WC3L für seinen Clan anzutreten1.
“Wenn man in einem Team unterwegs ist, muss man bei Teamevents oder beim Training alles für das Team geben. Bei Soloevents und bei Verträgen kann man aber schon mal egoistisch sein, dafür muss dann auch jeder Andere einfach Verstaendnis haben“, fährt Losemann fort und findet es schade, dass mit Happy vorerst ein weiterer Undead-Spieler ohne Arbeitgeber verbleibt: “Heute haben Teams eben öfter nur einen einzigen Star und deswegen entweder schwächere Mitspieler um Lücken zu füllen oder setzen nicht mehr so intensiv auf Teamligen.”
Glücklich kann sich derjenige schätzen, dem ein solches Angebot unterbreitet wird, auch wenn es eventuell Isolation innerhalb des Teams bedeutet. Würde es Sinn machen, als einziger Asiate in einem europäischen Team zu spielen oder umgekehrt? “Es würde sich definitiv lohnen, bedenkt man die Tatsache, dass die Warcraft3-Szene in dieser Form eventuell nicht mehr lange existieren wird. Jetzt zählt der Moment und der Profit, den man noch machen kann. Um ein Maximum herauszuholen, würde ich auch in einem Team spielen, in dem ich der einzige Europäer wäre“, philosophiert dArk über seine eigene Einstellung und steht damit sicher nicht allein da.
Eine neue Liga? Wir brauchen neue Spieler! Wirklich.
Über den Sinn und Unsinn eines manchen Wechsels streitet man ja oft genug, besonders dann, wenn man die Gründe nicht wirklich nachvollziehen kann. Da verstärkt man sich mit Chinesen für die deutsche Bundesliga, mit Koreanern für die WHL, mit Ukrainern für die WCIP und einem Amerikaner für eine chinesische Teamliga. Warum hinterfragen wir also nicht mal den Sinn hinter diesen zahlreichen Ligen?
“Ich glaube, dass Teamligen heute einfach nicht mehr so der Burner sind, gerade weil sinkende Preisgelder und die steigenden Kosten unverhältnismäßig für die Teams sind. Natürlich sind NGL-ONE-, WC3L-Finals oder auch das ROTK-Turnier zurückblickend faszinierend gewesen. Allerdings ist für den Amateurbereich oder semiprofessionellen Bereich die Möglichkeit mit einem Team zu spielen von enormer Wichtigkeit, denn hier ergeben sich Chancen für neue Talente, Trainigspartner und mentalen Support vom Team“, begründet Losemann.
Einen Kompromiss in der eigenen Personalgestaltung zu finden fällt allerdings nicht leicht. Nicht selten versucht eine eSport-Organisation zu aggressiv, spielerischen und finanziellen Erfolg einzustreichen und vernachlässigt dabei die Fragen des eigenen Geschäftsmodells. Einzelne Spieler verursachen dabei Kosten (ob berechtigt oder nicht, sei mal außen vor gelassen), die man finanziell noch nicht abgedeckt hat: “Das Problem ist immer, die Kosten wieder reinzuholen. Dies ist sehr sehr schwer. Manchmal ist es noch schwerer den Forderungen der Teams und Spieler nachzugeben. Denn diese sind manchmal utopisch hoch“, erklärt Losemann den Prozess.
Die Wechselneuigkeiten fokussieren derzeit besonders SK Gaming, ieS und sTa Gaming. Während erstere das Abenteuer Warcraft 3 vorerst aufgeben, expandieren die letztgenannten schneller als je zuvor. “Min-Sik (SK-Manager reis, Anm. der Redaktion) hatte gesagt, es macht nur Sinn, wenn man Spieler auch vermarkten kann, da muss ich ihm recht geben. Denn es ist ja logisch, dass Spielergehälter nur dann einen Sinn machen, wenn man einen Nutzen daraus ziehen kann“, so Losemann über die heutigen Transfers und Teams: “Es geht nicht darum, ob es sich generell noch lohnt, Engagement in der Warcraft-Szene zu zeigen, sondern ob sich die Teams refinanzieren und einen Gewinn abwerfen.”
Auch nach den Ereignissen um das Team MeetYourMakers vor knapp zwölf Monaten, leben einige Clans mit Sicherheit über den eigenen Möglichkeiten. “Ein Unternehmer ist ein realer Träumer…”2, vermeldete einst ein kluger Mensch – hoffentlich wachen die Unternehmer noch rechtzeitig auf! ð
Ein Artikel von Robert Rust. Die Rechte an den Bildern liegen bei readmore.de und Clemens Uhlig.
Quellen:
1: http://www.readmore.de/index.php?cont=news&id=6494&page=1
2: http://www.zitate-datenbank.service-itzehoe.de/menu/autor/10823/2/dominic_multerer/



