Die Wahrheit über das eSport-Mekka
Wenn man eSportler fragt, wie sie sich den eSport wünschen, hört man oft Geschichten aus Südkorea. Stadien mit zehntausend Zuschauern, drei große Ligen, die komplett im Fernsehen übertragen werden, ein Gamer als Präsident und zum Teil Gehälter, die deutlich über dem bundesdeutschen Durchschnitt liegen, sind ein paar der vielen Gründe – Starcraft ist in Südkorea in der Gesellschaft verankert und Spieler wie Jaedong, Flash oder ZerO Superstars, Vorbilder der Jugend.
Einhundert Leute haben wir gefragt: Nennen Sie das eSport-Paradies…
Es ist wohl der alte Traum von Ruhm und Reichtum; der Traum, eines Tages ganz oben zu stehen und vom ganzen Land bewundert zu werden, der immer noch ambitionierte Jugendliche dazu bringt, fleißig ihre Starcraft-Fähigkeiten zu trainieren. An den zwölf Teams der ProLeague führt kaum ein Weg vorbei: Dort erhalten die angehenden Starcraft-Pros nicht nur Geld und Unterkunft, sondern, vermutlich am wichtigsten, Spielpraxis durch Custom Games untereinander. Nicht selten wird im Verbund zwölf Stunden und mehr pro Tag gespielt, immer das gemeinsame Ziel vor Augen, nämlich ein Star zu werden (oder wenigstens ordentlich in Starcraft 2 durchstarten zu können). Dass Sponsoren und Chefs massiven Leistungsdruck ausüben, scheint angesichts der Flut an Nachwuchsspielern nur bedingt abzuschrecken – ebenso wenig der Verzicht auf Studium oder Berufsausbildung.

Die Auswirkungen auf das Leben der Spieler werden dabei oft übergangen. Einzig die wohl bekannteste weibliche Starcraft-Spielerin Soo ‘ToSsGirL’ Seo brachte in einem Interview mit teamliquid.net Licht ins Dunkel: Von ihren mindestens zwölf Stunden Training pro Tag erzählt die Schönheit – und dass sie, wäre sie jünger, ihr Leben anders angehen würde. Auch wenn sie Spiele immer mochte, vermisste sie mit der Zeit immer mehr das “normale Leben”. Durch ihre Gamer-Karriere vermisse sie Studium und soziale Kontakte ausserhalb der Starcraft-Szene. Als einzige weibliche Progamerin sei sie sehr einsam. Das traurige Fazit eines, zumindest zwischen den Zeilen, verbitterten Mädchens zeigt eindrücklich die Schattenseiten der größten eSport-Nation der Erde auf.
Leben für Starcraft
Für europäische – oder allgemein nicht-koreanische – Spieler scheint das unmöglich zu sein. Selbst wenn sie wie koreanische Progamer leben wollten, könnte wohl kaum einer von ihnen ein Leben außerhalb der Gesellschaft führen, dessen tagtäglicher Inhalt aus mindestens zwölfstündigem Starcraft-Training besteht. Zu sehr scheint das “echte Leben”, sprich Schule, Freunde und Familie vom Gaming abzuhalten und zu wenig sind Spiele gesellschaftlich akzeptiert. Liest man also deutsche EPS-Statements, so sieht man Texte die von fehlender Motivation, wenig Training und nur in Ausnahmefällen von mehreren Stunden Training am Tag zeugen.

Ab und an verirren sich aber eben diese Nicht-Koreaner ins Mekka des Esports. Sofern ihr Hobby nicht nur ein einträglicher Nebenverdienst sein soll, ein logischer Schritt – zuletzt begangen vom niederländischen Starcraft-Spieler Joseph ‘ret’ de Kroon.
Mit dem Ziel, das Courage-Turnier zu gewinnen und ein Match in der ProLeague zu spielen, unterbrach er seine Ausbildung und ging Anfang Oktober nach Südkorea, um dort für eSTRO zu spielen. Doch trotz aller Anfangsmotivation war dieses Unterfangen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Das Zusammenleben des 24-Jährigen mit den fast zehn Jahre jüngeren Koreanern, die selbst noch nichts erreicht hatten und ihre Chancen auf eine Pro-Karriere nicht durch ineffektives Training mit jemandem, mit dem sie nicht einmal reden konnten, verbauen wollten, funktionierte von Anfang an nicht. Teaminternes Training, ein riesiger Vorteil dieser Teamunterkünften, war so nicht möglich. Hinzu kam, dass die Trainer zwar immer nett gewesen seien – letztendlich jedoch auch die problematische Kommunikation scheuten und de Kroon links liegen ließen.
Seine Motivation, zwölf Stunden täglich unter Zwang Starcraft zu spielen, litt darunter freilich enorm. Den traurigen Höhepunkt fand das zerrüttete Verhältnis schließlich in der Anschuldigung des Teams, interne Trainings-Replays an die Öffentlichkeit gegeben zu haben – ein Vergehen, das in koreanischen Starcraft-Kreisen absolut tabu ist. Anders als erhofft konnte er trotz zweimaliger Teilnahme kein Courage-Turnier gewinnen und zog Mitte Dezember zum in Korea lebenden Amerikaner Artosis, der ihm wenige Monate zuvor zum Engagement bei eSTRO verhalf. Einen konkreten Plan für die Zukunft hatte de Kroon nicht, das Unternehmen Südkorea war für ihn gescheitert.
Europäer bekommen keine Bonuspunkte
Wie viele vor ihm zerbrach er an der koreanischen Mentalität und Arbeitsweise im Pro-Geschäft – ein Leben, das vielen Europäern wie Sklaverei vorkommt. Und auch er musste lernen, was es heißt richtig unter Druck zu stehen und zu scheitern, so wie es auch den allermeisten Koreanern passiert. Professionell Computerspielen, das können selbst dort nur die wenigsten – und ganz sicher niemand, der nicht bereit ist sein komplettes Leben dafür zu opfern. ð
Ein Artikel von Fabian Bartsch. Die Rechte an den Bildern liegen bei GosuGamers und Tossgirl (via Facebook).
¹ http://www.teamliquid.net/forum/viewmessage.php?topic_id=108832
² http://www.scforall.com/news/news02.asp?mNum=n02&PageNo=1&where=&query=&sterm=&articleNum=1095



