Die neue Enthaltsamkeit
Es war nicht leicht, als Fan des VfB Stuttgart noch Sympathien zum hauseigenen Torhüter Jens Lehmann zu hegen: Zuerst gab es eine scheinbare Pinkelpause hinter der Bande, dann wurde in den letzten Spielminuten ein sicher geglaubter Sieg durch ein unnötiges Foul zunichte gemacht und schließlich verlor ein argloser Fan auch noch für einige Momente seine Sehhilfe an den ehemaligen Nationaltorwart. Kein Wunder, dass er nach derartigen Aktionen ziemlich demütig bei Kerner saß und um Verzeihung bat.
Derartige Entschuldigungen sind im eSport seit einer Weile kaum noch notwendig. Das liegt allerdings nicht daran, dass die Fans deutlich entspannter auf arrogante Äußerungen reagieren würden. Der Grund ist einfach, dass niemand sich mehr traut. Das Wochenende in Brühl zeigte wieder einmal, dass vor allem die Counter-Strike-Spieler mittlerweile extrem angepasst sind und in ihren Interviews kaum über Standardsätze und langatmige Taktikerklärungen hinausgehen.
Aus die Maus
Man kann es mousesports vielleicht nicht einmal verübeln, dass das Team seinen Spielern ein Interviewverbot vor dem Turnier ausgesprochen hat. Konsequenterweise scheut ein gebranntes Kind das Feuer, und Feuer gab es für das Team aus Berlin in den vergangenen Jahren genug. Nicht nur, dass Navid ‘Kapio’ Javadi sich und seine Mitspieler vor dem IFNG als weltbestes Dust2-Team rühmte, um danach gegen n!faculty kläglich zu verlieren, oder dass man auf dem ESWC nach Runden mit Funwaffen durch eine schlechte Mapdifferenz ausschied. Auch die letzten Finals der Intel Extreme Masters waren geprägt von Überheblichkeit und Überschätzung des eigenen Könnens, als Antonio ‘cyx’ Daniloski den späteren Silbermedaillisten Alternate als “gar nicht sooo gut” abstempelte und selbst in der Gruppenphase die Segel strich. Es schien insofern ganz konsequent, nach einer langen Durststrecke ohne große internationale Erfolge zunächst einmal Taten statt Worte sprechen zu lassen. Mit dem Sieg am Wochenende ist das ja dann auch ganz gut gelungen.
Problematisch ist nur: Es ist nicht zu erwarten, dass im Hause mousesports bald wieder die Mäuler weit aufgerissen werden. Genauso wenig sind Teams wie fnatic, die nach einem grandiosen Jahr 2009 eigentlich allen Grund zur Arroganz hätten, zu gewagten Äußerungen bereit, obwohl ihre letzte Finalniederlage gegen mousesports dem übermäßigen Alkoholkonsum am Vorabend geschuldet war. Im Tenor des Wochenendes erklang vor allem eins: Die Gegner sind sehr stark, Fehler waren im Zweifelsfall die eigenen und die anderen haben den Sieg doch eigentlich auch verdient. Große Töne spuckten nur die WoW-Spieler und die beziehen ihre häufige Schadenfreude hauptsächlich daraus, dass Blizzard regelmäßig die für unschlagbar gehaltenen Setups wieder schwachpatcht.
Selektive Wahrnehmung
Nun sind natürlich nicht nur die Spieler verantwortlich dafür, dass Interviews langweilig sind, sondern auch die eSport-Presse. Aber gerade im Fall mousesports wird deutlich, warum das so ist: Interviews werden primär den hauseigenen Redakteuren und ESL TV gegeben. Während Erstere naturgemäß harmlose Fragen stellen, ist man bei Zweiteren zum Interview gezwungen und wird aufgrund des knappen Zeitrahmens selten mit harten Fragen konfrontiert – und wenn doch, wie im Falle cash auf dem IFNG, ist die Empörung direkt riesig. All den Seiten, die mal schärfer nachbohren, verweigert man sich dann unter Umständen komplett. So bleibt natürlich jede Möglichkeit aus, mehr als 0815-Antworten zu bekommen, und cyx und gob b dürfen sich nach dem Finale wechselseitig als beste Spieler der Welt bezeichnen, weil anscheinend keiner so ein Kompliment verträgt. Danke, aber für Schnulzen schaut man kein Counter-Strike.
Niemand muss ständig den Oliver Kahn raushängen lassen. Aber es wäre doch gut, wenn mal wieder ein bisschen von der alten Schärfe zurückkäme. Wenn n!faculty das Halbfinale zu Null verliert und auch im Spiel um Platz Drei untergeht, möchte ich nicht lesen müssen, dass die Spieler stark gespielt hätten, denn es stimmt offenbar nicht. Es kann und soll nicht sein, dass die Aufreger nur von EAS-Aufsteigern kommen, die direkt Rookie of the Season werden wollen. Wer den Sieg wirklich will, muss sich auch mal über seine Konkurrenten stellen. Wer jubelt für ein Team, das den Rest des Teilnehmerfelds für ebenso würdige Sieger hält? ð
Eine Meinung von Gastautor Ulrich ‘FlyingDJ’ Schulze. Die Rechte an den Bildern liegen bei ESL.eu.



