Arrrr! Ein Kapitän im Interview
Während im letzten Jahr die “Killerspieldebatte” durch die Politik und Medien ging und als Teil des Wahlkampfes durchaus instrumentalisiert wurde, trat mit den Piraten das erste mal eine Partei in Deutschland auf, die aus einer Grundidee des Internets heraus entstanden ist. Im Gespräch mit Matthias Görner, Beisitzer des Landesvorstands der Piratenpartei Sachsen als sogenannter Kulturpirat und Initiator der ersten Piraten-Eltern-Lan in Dresden, wurde bei einem Fässchen Rum über die Intention der LAN, „böse Killerspiele“ und Politik geplaudert
Welche Intention verfolgt ihr als Piratenpartei, gerade auch im Hinblick auf aktuelle ESL-Bemühungen, mit der Veranstaltung „Eltern-Lan“?
Mathias Görner: Auch wir haben im letzten Jahr die ESL-Eltern-Lan verfolgt und in Übereinstimmung mit den Verantwortlichkeiten einer Partei, neben der Regierungsbildung im Parlament besonders der Bildungsauftrag, haben wir als junge, netzaffine Partei das Konzept adaptiert und stellen in Dresden ein erstes Pilotprojekt in dieser Richtung vor. Auch wenn die Resonanz nicht zufriedenstellend ist, wollten wir auch nach dem Wahlkampf weitere Aktionen schaffen und einfach erstmal sehen, wie es denn läuft. Prinzipiell soll das Konzept auch deutschlandweit zum Einsatz kommen.
Was ist denn das Konzept hinter eurer Eltern-Lan, was wollte ihr damit bezwecken und welche Inhalte den Eltern vermitteln?
Hauptsächlich soll das „Gamer-Image“ relativiert und aufgezeigt werden, dass das Klischee eines süchtigen und dicken Studenten, der nie aus seinem Keller herauskommt, nicht zutrifft. Schließlich besagen die Zahlen in Deutschland etwas anderes: So sollten zum Beispiel 200000 Counter-Strike Spieler weltweit zu jeder Tageszeit auf den unzähligen Servern nicht verallgemeinert werden, sondern als Teil der Jugend- und Netzkultur, die wir auch den Eltern vermitteln wollen, anzusehen. Eltern und Lehrer werden bisher größtenteils nur durch die Medien, die eine „Killerspieldebatte“ weiter anfeuern, beeinflusst, oftmals noch immer falsch. Als Teil dieser Netzkultur und durch unsere eigenen Erfahrungen als Spieler sollten wir solche Dinge besser vermitteln können. Vor allem soll die Hemmschwelle abgebaut werden und das Denken „Computerspiele? Böse!“ durch einen objektiven Einblick in diese Kultur umgeschwenkt werden.
Persönlich kenne ich keinen Jugendlichen, der noch nicht mit Computerspielen in Berührung gekommen ist – bei den Eltern sieht das schon anders aus. Der Informationsstand zwischen Kind und Erwachsenem klafft deshalb weit auseinander und viele Eltern habe keine Ahnung, was da gespielt wird, ob man es als gut oder schlecht für die Entwicklung des eigenen Nachwuchs einschätzen kann oder was den Reiz am Spielen ausmacht. Diese Fragen wollen wir beantworten und in der Interaktion mit den Erwachsenen für Aufklärung sorgen. Um die Informationkluft, in einem typischen Fall meist schon die Frage „Was ist das eigentlich, was da gespielt wird?“, zu schließen, haben wir kurze Vorträge über ausgewählte Spiele, die technische Entwicklung, das Altersfreigabesystem und auch den wettbewerbsorientierten eSport vorbereitet und zusätzliches Informationsmaterial für die Eltern bereitgestellt.
Welche Chancen und auch Pflichten seht ihr für die Spiele- und Clanszene gegeben, um die eigene Postion zu stärken?
Der wichtigste Ansatz ist sicherlich das Bestreben auch weiterhin Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und diese zukünftig auch durch professionelle Organisationen und Projekte zu unterstützen. So war beispielsweise Giga, die es mittlerweile leider nicht mehr gibt, ein sehr guter Ansatz. Mit den Entwicklungen in Korea, wo es eine einzigartige Fernseh- und Ligenlandschaft gibt, oder Amerika kann man in Deutschland nämlich nicht aufwarten – in Deutschland tu man sich aus mir unbekannten Gründen noch immer schwer so etwas zu akzeptieren. Die Mentalität der „bösen Computerspiele“ kann man sicherlich nicht einfach ablegen, aber persönliche Gespräche zu suchen, ist schonmal ein erster Schritt.
Könntet ihr euch vorstellen, auf einer Messe oder einer LAN-Party einen Informationsstand aufzustellen?
Definitiv können wir uns so etwas vorstellen. Da wir allerdings größtenteils nur „Teilzeit-Politiker“ sind, die sich primär noch mit Studium und Ausbildung beschäftigen, ist es allerdings nicht einfach zu realisieren – zukünftig sollte es aber denkbar sein.
Wie spiegelt sich die Aufklärung in Hinsicht der neuen Medien und der Computerspiele in eurem Parteiprogramm wieder?
Politisch können auch wir durch solche Projekte wie der „Eltern-Lan“ dazu beitragen, dass Spiele in der Gesellschaft akzeptiert werden. Gerade durch die Zusammenarbeit mit Medien aus dem Spielesektor selbst, kann man die Grenze zum weniger informierten Erwachsenen überschreiten. Als Partei oder Parteivorstand selbst kann man sich natürlich nur schwer positionieren und sämtliche Inhalte der Internet-Kultur befürworten – man kann nur ein für ein besseres Verständnis sorgen.
So hat allerdings besonders die CDU/CSU mit der Killerspieldebatte im Wahlkampf polarisiert – wie erklärst du dir dieses aggressive Vorgehen?
Für mich geht das eher in die Richtung Polemik. Nach einem Amoklauf wird Counter-Strike auf einem Computer gefunden – das Spiel war natürlich Schuld. Erst war es Rock’n’Roll, in den 80ern war es der Heavy Metal und heute sind es dann die „Killerspiele“. Schon der Neologismus „Killerspiel“ ist falsch. Dafür verkauft es sich medial besser.
Gibt es für euch trotzdem eine Grenze zur Überschreitung des guten Geschmacks in Filmen, Spielen oder anderen Medien?
Natürlich gibt es eine solche Grenze. Allerdings werden in der aktuellen Debatte immer wieder Spiele wie Counter-Strike, Warcraft oder World of Warcraft als Sündenbock angesprochen, wobei man als Szenefremder in den wenigsten Fällen etwas damit anfangen an, allerdings mit schlecht recherchierten Inhalten konfrontiert werden. Dann wird schnell behauptet, dass Counter-Strike von den amerikanischen Streitkräften entwickelt wurde – ein Fakt der eigentlich auf das Spiel „Americas Army“ zutrifft. Somit wird direkt wieder eine Verbindung zu militärischer Gewalt asoziiert. Im Gegensatz dazu gibt es allerdings auch Spiele, die ich als Erwachsener als unschön empfinde und zu gewalttätig – nur sollte man nicht bewusst die falschen Spiele verurteilen.
Die Piraten werden fast immer mit dem Internet verbunden, inwiefern seht ihr euch denn selbst als ein Teil der Internetkultur und was bedeutet das für euch?
Das fängt schon bei den einfachsten Dingen an: Gibt es in unserer Runde etwas zu besprechen nutzen wir auch schonmal Teamspeak, Mumble oder IRC, um zu kommunizieren. Natürlich spielen wir auch selbst gern mal eine Runde und die Diskussionen driften teilweise auch ins nerdige ab – da wird eben mal über aktuelle Themen aus dem Netz geplappert. Wir können uns mit den Vorteilen, die uns das Internet bietet, identifizieren und diese auch über die Partei, die ja ihre Ursprünge genau dort hatte, leben. Ich denke, dass niemand von uns die Möglichkeit von gemeinsamer Dokumentenbearbeitung oder der vielfältigen Präsentationsmöglichkeiten missen will. Zudem schätze ich, dass 80% der Dresdner Piraten, die ich auch etwas besser kenne, selbst Spieler sind. Das reicht von Call of Duty über Battlefield bishin zu Leuten, die noch aktiv Diablo2 im Battle.Net spielen. Und auch bei uns machen die Counter-Strike Spieler mal den ein oder anderen Scherz über die WoW-Kollegen. Wir nutzen das Angebot des Netzes also ausgiebig und selbstverständlich.
Das Netz als natürlich Raum der Piraten also, doch Politik spielt sich zum größten Teil in der „Realität“ ab. Inwieweit schafft ihr es aktive Unterstützer und Mitglieder im Internet auch tatsächlich für eure Aktivitäten außerhalb des WWW zu begeistern?
Natürlich gibt es eine Vielzahl von Mitgliedern, die nur die Onlineaktivitäten wahrnehmen. Allerdings gibt es auch einige regionale Treffen und Stammtische, bei denen dann Aktivitäten und Projekte geplant werden. Da wir als junge Partei bislang noch wenige „Hochburgen“ wie in Dresden oder Leipzig haben, gestaltet es sich für einige Mitglieder auch schwer, an diesen Stammtischen teilzunehmen. Das Interesse an Webpräsenz, Blogs und unserem Wiki wächst allerdings stetig.
Welche Aktivitäten verfolgen die Sächsischen Piraten momentan abseits der „Eltern-Lan“?
Momentan arbeiten wir in Dresden an einem Projekt , das sich „Rollstuhl-Routing“ nennt. Das klingt jetzt erstmal lustig, ist aber eine sehr ernste Angelegenheit. Dabei geht es darum einen Themenstadtplan für Dresden zu erstellen, in dem behinderte Mitbürger einsehen können, wie behindertenfreundlich Lokale, Örtlichkeiten und Stadtteile sind. In Görlitz setzen wir uns aktiv gegen die Schließung eines Jugendkulturzentrums ein. Sachsenweit engagieren wir uns zudem um freie Netze, die in Ortschaften ohne Breitbandanschluss realisiert werden sollen. Außerdem wollen wir unser soziales Engagement weiter ausbauen und mit weiteren Projekten vor allem Schüler, Eltern und Lehrer über den Umgang mit den neuen Medien aufklären. Ein ganz großes Thema für uns in Dresden ist vor allem auch der Nazi-Großaufmarsch am 13. Februar, der einigen Parteimitgliedern sauer aufstößt, die einige Aktionen planen. Durch unser breites politisches Spektrum ist es allerdings auch schwer, sich eindeutig als Partei zu positionieren.
Ein Interview von Fabian Bartsch und Robert Rust.



