Alles offen in Polen

„One day I will explode – and then all the fuckers that owe me money will pay“. Der Frust, den Łukasz ‘LUq’ Wnęk mit diesem Satz in seinem MSN-Profil vergangenen Sommer an die Öffentlichkeit trug, war nachvollziehbar. Neben diversen, nicht ausgezahlten Preisgeldern (allein für die ESWC-Siege 2007 und 2008 sollen noch über 60.000 US-Dollar ausstehen), hatte man zu diesem Zeitpunkt auf beträchtliche Gehaltszahlungen von Ex-Clan MYM und dem damaligen Clan Wicked warten müssen.

AGAiN and AGAiN and AGAiN

(c) readmore.deHeute blickt das Team um den „besten CS-Spieler des Jahrzehnts“, Filip ‘Neo Kubski auf ein schier unglaubliches Jahr 2009 zurück. Für drei verschiedene Organisationen lief man auf, die sich in Sachen Obskurität scheinbar gegenseitig zu übertreffen versuchten. Nachdem MYM die Zinsen für die Verschwendungssucht der selbst ernannten eSport-Lichtgestalt Mark Peter de Fries zahlen musste, folgte ein dreimonatiges Gastspiel bei Wicked eSports – ein Clan, dessen Finanzierungsmodell bis heute Rätsel aufgibt. Zuletzt trug man für fünf Wochen das Clantag von Vitrolic, ehe deren Geldgeber Ahmed ‘Nordy’ Al Muhanna die Geldströme kappte.

Dreimal hintereinander fielen die Polen – trotz Unkenrufen im Vorfeld – auf leere Versprechungen und faule Tricks der Clan-Manager herein. Als eines der wenigen Teams in Europa, die CS als Full-Time-Job auffassen, liegt nahe, dass man sich gezwungenermaßen am finanziell besten Angebot orientiert. Hinzu kommt, dass durch die üppigen Saläre, die MeetYourMakers in wirtschaftlich scheinbar gesunden Zeiten zu zahlen bereit war, die Messlatte unrealistisch hoch gelegt worden war – ein Aspekt, den im vergangenen Jahr auch die Warcraft-Spieler um Grubby erkennen mussten.

Aus den Fehlern gelernt?

Dass die Polen spielerisch ihren Platz unter den besten Teams der Welt immer noch verdient haben, haben sie spätestens mit dem WCG-Erfolg in Chengdu eindrucksvoll untermauert. Nicht minder schwer fällt es jedoch, dem Team fehlendes Geschick in geschäftlichen Belangen vorzuwerfen. Egal, bei welcher ausländischen Organisation man sein Signum unter den Vertrag setzte – am Ende waren Neo und Co. stets die Gelackmeierten.

Damit sich eine solche Tragik nicht im Jahr 2010 wiederholt, wurde das neue Projekt der Polen nun offenbar zur Chefsache erklärt: Topstar Kubski selbst eröffnete am Silvestermorgen des vergangenen Jahres die Gruppe „Guns are Drawn“ auf Facebook, später ging eine entsprechende Homepage online, über die häppchenweise das neue Team präsentiert werden sollte. Nach einigen Wochen der Spekulationen folgte verganenen Freitag die offizielle Vollendung1; wenig überraschend war es bis auf einen Wechsel das Aufgebot, das im Jahr 2009 die World Cyber Games gewann.

Die nationale Lösung

(c) fragbite.seBleibt die Frage, was hinter den fünf Spielern steckt. Auf der Homepage des Ex-Arbeitgebers der Polen, mymym.com, wird nun der Name Adrian Witkowski als „Webseiten-Besitzer“ ins Spiel gebracht². Witkowski arbeitet hauptberuflich als PR- und Marketing-Manager für die in Warschau ansässige Online-Gaming-Agentur one2tribe. Von one2tribe wird der polnische Clan frag eXecutors exklusiv gesponsert – der momentan wiederum von einem gewissen Adrian Witkowski geleitet wird.

Angesichts der Tatsache, dass das momentane CS-Team der frag eXecutors Herrn Witowski in den letzten Jahren jedenfalls wenig Anlass zu Freudensprüngen bereitet haben sollte, ein Zustand mit Interpretationsspielraum.

Der Spatz in der Hand…

Sollten sich die Gerüchte um Witkowski und Guns are Drawn nicht als Windei herausstellen – denkbar wäre etwa die Registrierung als Freundschaftsdienst, wobei die wahren Hintermänner verborgen blieben – gäbe es im Endeffekt zwei Optionen. Erstens: frag eXecutors entlässt sein bisheriges CS-Team und nimmt stattdessen Guns are Drawn unter Vertrag. Ein Schritt, der wohl nur denkbar ist, wenn die WCG-Gewinner ihre Gehaltsvorstellungen unter der Prämisse, wirklich bezahlt zu werden, deutlich nach unten korrigiert haben. Man verfügte in diesem Fall aber über Strukturen, die durch den einhergehenden Popularitätsschub deutlich ausgebaut werden könnten.

Die zweite Möglichkeit wäre ein Abgang von Witkowski (und damit wohl auch Geldgeber one2tribe) von den frag eXecutors und ein Neuaufbau unter der in den letzten Tagen und Wochen stark gehypten Marke Guns are Drawn. Witkowskis Unternehmen würde eine wesentlich höhere Aufmerksamkeit für ihr Sponsoring zuteil werden; die Spieler könnten sich auf das Spielen konzentrieren, während der in dieser Beziehung erfahrene PR-Manager sich um die Sponsorenakquise kümmert. Der Clan frag eXecutors würde in diesem Falle wohl schweren Zeiten entgegen steuern.

2010: Das Jahr der Polen?

CKM-Artikel (Scan and uploaded by espmania.pl)Welche Option nun wahrscheinlicher ist, ist schwer abzusehen. Einerseits wäre es wenig sinnvoll, eine PR-Kampagne um die Marke „Guns are Drawn“ abzuziehen, nur um dann plötzlich einer anderen Organisation beizutreten. Andererseits: Wie myMYM schon in polnischen Männermagazinen recherchierte, ist GaD-Mitglied Wiktor ‘TaZ’ Wojtas dort im Interview als Spieler von den frag eXecutors notiert³.

Die Idee, eine rein polnische Organisation zu formieren, bliebe jedoch in beiden Fällen gewahrt. Das hieße für Neo und seine Teamkameraden: Keine stressige Kommunikation mit dänischen, britischen oder deutschen Clan-Managern über ausstehende Zahlungen mehr. Stattdessen könnten sich die Polen ganz auf ihre Arbeit fokussieren – und vielleicht, ohne die stetige Unsicherheit im Rücken, im kommenden Jahr befreit aufspielen, konstant Leistung abrufen, Einbrüche wie auf den IEM-Finals vermeiden. Zu wünschen wäre es ihnen nach den Ereignissen im Jahr 2009 auf jeden Fall. ð

Ein Artikel von Christian Bauer. Bilder von readmore.de (Teaser und erstes Bild), fragbite.se (zweites Bild) und eSpmania.pl (Scan, Hervorhebung vom Autor).

Quellen:
1: http://www.readmore.de/index.php?cont=news&id=6467
²: http://www.mymym.com/en/news/17650.html
³: http://www.fragster.de/artikel/11539/again-mit-neuer-organisation-again-zu-frag-executors_cs-16

  • gfgfgsgsgdsfg
    er heißt Mark Peter de Fries und war kein Investor, sondern nur CEO
  • Mark Peter war COO, nicht CEO
  • Nur am Klugscheißen, der Heuschkel!
    Danke für die Hinweise, hab das mal geändert. Mittlerweile heißt er übrigens Bech mit Nachnamen.
blog comments powered by Disqus